Serubiri Moses: The School of Anxiety

Öffentliche Performance mit Awuor Onyango, Nyakallo Maleke, and Sanyu Kiyimba-Kisaka, innerhalb Serubiri Moses’ The School of Anxiety #2: Chebomuren, February 16, 2018, Freedom Corner, Uhuru Park, Nairobi

Die School of Anxiety (SoA) versteht sich als unteaching environment: ein Raum des Verlernens oder der Konstruktion von anderem Wissen. Der Fokus des Formats liegt auf der Beschäftigung mit subjektiver Angst, basierend auf Lernprozessen und Ideenaustausch. Die Projektmitglieder sind: Awuor Onyango aus Kenia, Nyakallo Maleke aus Südafrika sowie Sanyu Kiyimba Kisaka und Serubiri Moses aus Uganda, der Mitglied des kuratorischen Teams der 10. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst ist und das Projekt initiiert hat. Die SoA umfasst Workshops, Exkursionen, Diskussionen und Performances in Johannesburg, Nairobi und Berlin. Sie greift philosophische Debatten um Begriffe wie Werden, (Ver-)Weigerung, Ablehnung, zwanghafter Zweifel, Trauer und (Ver-)Lernen auf. Angst wird in diesem Kontext als ein Zustand definiert, der im heimischen Umfeld ausgelöst wird – das heißt, das Zuhause wird als Raum traumatischer und intensiver Auseinandersetzungen und Erfahrungen betrachtet. Während Angst im 19. Jahrhundert im Wesentlichen in der Hermeneutik und Psychologie analysiert und definiert wurde, konzentriert sich die School of Anxiety auf die Kunstpraxis und auf die künstlerische Auseinandersetzung mit sozialen und historischen Formen der Angst.

Eine wichtige Quelle für die SoA ist in diesem Zusammenhang die wissenschaftliche Studie des Historikers J. C. Ssekamwa zum Bildungswesen zur Zeit des frühen Kolonialismus im Uganda der 1870er-Jahre. Ssekamwa bezieht sich in seiner Studie auf die Tatsache, dass es in Uganda eine Form des Hausunterrichts gab, das learning at „home“ – das Lernen zu Hause in den jeweiligen afrikanischen Muttersprachen der Schüler*innen. Er liefert eine Analyse, der zufolge das Anfang des 20. Jahrhunderts noch bestehende Konzept der Bildung zu Hause – und damit das Zuhause als Ort der Bildung – durch die koloniale Bildungspolitik von 1925 abgeschafft wurde, allerdings nur zum Teil. Die home education überlebte diese Entwicklung, insbesondere für jene, die keine kolonialen staatlichen Schulen besuchen konnten. Und auch für viele Schüler*innen, die in die Kolonialschulen gingen, blieb das Zuhause gleichzeitig Lernort und Bildungsstätte. Der erzwungene Verzicht der Verwendung ihrer afrikanischen Muttersprachen im staatlichen Bildungssystem löste jedoch bei den Schüler*innen fundamentale Ängste aus – und führte zu einer Fragmentierung ihrer Subjektivität. Diese Fragmentierung und die Entstehung von subjektiven Ängsten sind der Ausgangspunkt für die SoA.

In dem Versuch, einen Rahmen für die Betrachtung von subjektiven Ängsten zu etablieren, spielt die Idee des Unbekannten, wie sie in der philosophischen Literatur verschiedentlich beschrieben wird, eine wichtige Rolle: Das Unbekannte ist ein Raum, der durch kontinuierliche Aggression geprägt ist – ein Raum der fortlaufenden Auseinandersetzung, in dem aus diesen Prozessen Subjektivitäten entstehen. Die räumliche Ebene der SoA bezieht sich auf die Zeit zwischen dem Eintreffen der ersten europäischen Missionarlehrer*innen in Uganda im Jahre 1870 und dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Den Forschungsarbeiten von J. C. Ssekamwa zufolge besteht eine direkte Verbindung zwischen den in dieser Zeit auftretenden Ängsten, der Entwicklung des kolonialen Bildungswesens und der im Europa des 19. Jahrhunderts aufkommenden abolitionistischen Bewegung. In ihrem Wettstreit um die Abschaffung des arabischen Sklavenhandels provozierten europäische Missionar*innen Feindseligkeiten zwischen Katholik*innen, Anglikaner*innen und Muslim*innen. Im Jahr 1899 nahmen britische Streitkräfte den zum Islam konvertierten König Mwanga II. von Buganda gefangen, brachten ihn ins Exil auf die Seychellen und verursachten damit ein beispielloses Trauma. In diesem Ereignis, das in einen Ausbruch ethnischer Gewalt mündete, lässt sich der seismische Zustand dieser Zeit ablesen. Der Zeitraum von 1870 bis 1915 ist ein Zeitalter des Unbekannten – eine Zeit starker historischer Unsicherheit, die die zeitgenössische Subjektivität weiterhin prägt. Die historischen Unbekannten und die resultierende gegenwärtige Subjektivität liegen der subjektiven Angst und ihrem Zusammenspiel mit Bildungsprozessen zugrunde.